nach den morden in halle – zwei perspektiven aus der skb

Wir wollen nicht schweigen Es bedarf einer anderen Gesellschaft

Am Mittwoch, dem 9.Oktober, an Jom Kippur, dem Tag des jüdischen Versöhnungsfestes, wurden wir erneut Zeugen von erschütternden und abscheulichen Manifestationen des Rassismus und Antisemitismus in Deutschland. Wir möchten unser Entsetzen und unsere Ablehnung gegenüber jeder rassistisch motivierten Gewalt zum Ausdruck bringen. Jede Ideologie, die Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Glaubens, ihrer geschlechtlichen Identität oder sexuellen Orientierung ausschließt, sie diskriminiert und als Rechtfertigung für Gewaltanwendung dienen soll, basiert auf der Annahme, dass diese Menschen minderwertig seien. Dagegen stellen wir uns vehement! Wir als Sprach- und Kulturbörse wollen dazu nicht schweigen, sondern zur gesellschaftlichen Toleranz und Akzeptanz aller Menschen aufrufen. Wir trauern mit den Opfern und ihren Angehörigen und solidarisieren uns mit allen von Gewalt und Diskriminierung betroffenen Menschen. Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit, Ableismus, Klassismus und all die anderen hässlichen -Ismen haben in dieser Welt keinen Platz.

 

Einige Mitglieder der SKB, 18.10.19

Am Mittwoch, dem 9.Oktober, an Jom Kippur, wurden zwei Menschen im Halle’schen Paulusviertel ermordet. Mit militärischem Kampfanzug, vollautomatischer Schusswaffe und zur Live-Übertragung geschalteten Kopfkamera ausgerüstet, hatte der Mörder versucht, in die Synagoge in der Humboldtstraße einzudringen. Dort waren ca. 51 Menschen dabei, das jüdische Versöhnungsfest zu begehen. Nach vergeblichen Versuchen, in die Synagoge zu gelangen, erschoss er eine Anwohnerin, die ihm auf der Straße angesprochen hatte, sowie dann einen Mann, der sich während seiner Mittagspause gerade in einem Döner-Laden aufhielt.

 

Der Mörder kündigte im Vorfeld seine Attacke an und schilderte seine Motive. Sie stammen aus dem Repertoire des Rechtsradikalismus: es nähmen „im Westen“ die Geburtenraten ab, daran seien vordergründig „der Feminismus“ und hinter der ganzen Entwicklung „der Jude“ Schuld.

 

Die Beschwörung der von faschistischen Gruppen verbreiteten Vorstellung eines „Großen Austauschs“ zeigt, dass diese Morde keine Einzeltaten waren. Aus unserer Sicht waren sie auch nicht bloß die Folgen liberaler Waffengesetze oder die neuesten Entwicklungen in der Gamer-Szene.

 

Vielmehr gehört die Gewalt vom 9. Oktober unter all den Beleidigungen, Drohungen und Gewalttaten, die diskriminierten Menschen täglich Angst machen sollen. Diese Angriffe sind wiederum die zu erwartenden Wirkungen einer breiten, faktischen Einschüchterungsfront, die verschiedene Institutionen und Tendenzen in sich fasst, von rechtsextremistischen Gruppen, damit sympathisierenden Elementen im Staatsapparat selbst („NSU 2.0“), über die parlamentarische AfD, mit der angeblich niemand kooperieren möchte, und schlussendlich auch die europäische, bis hin zu der von den Parteien der angeblichen Mitte getragenen Grenzregime, welche Menschen in Lagern verbannt und im Mittelmeer sterben lässt.

 

Mit Max Czollek sind wir also der Meinung, dass wir heute keinen Alarm erleben, sondern schon den „Sturm, vor dem wir euch gewarnt haben“. Und dass es „nach der Shoah nicht genügt, ein paar Sicherheitskameras und dicke Türen bereitzustellen, damit die Dinge sich nicht wiederholen. Sondern, dass es einer anderen Gesellschaft bedarf.“

 

Einige Mitglieder der SKB, 18.10.19