Die Sprach- und Kulturbörse unterstützt die Initiative TVStud

 

Die Sprach- und Kulturbörse erklärt ihre Solidarität mit der Initiative TVStud. Doch was hat dieser Lohnkampf mit der SKB zu tun? Im Folgenden erläutern wir die Gründe, die uns dazu bewegt haben, diese Initiative zu unterstützen.

 

Der Name „TVStud“ stammt vom Berliner Tarifvertrag für studentische Beschäftigte (TV Stud II), der die Arbeitsbedingungen der über 8000 studentischen Beschäftigten an den Berliner Hochschulen regelt. Diese Menschen leiten Tutorien, beraten Studierende und tragen zur Forschung bei; mittlerweile halten sie auch Bibliotheken, Institute und IT-Dienste am Laufen.

 

Strike assembly on February 2nd, 2018
Strike assembly of the 2nd of February, 2018.

Einige dieser Menschen haben mit der Initiative TVStud eine neue Entwicklung angestoßen. Die SKB – ein Bildungsprojekt, das sich um die Öffnung und Demokratisierung der Gesellschaft bemüht – sieht in dieser Entwicklung Potentiale, die zur Emanzipation des Bildungssystems beitragen können. Deshalb haben wir uns mit den studentischen Beschäftigten solidarisch erklärt.

 

Die Forderungen, die im Mittelpunkt des Konflikts ihrer Initiative mit den Hochschulen stehen, richten sich zunächst gegen die Prekarisierung und die Unterbezahlung der studentischen Beschäftigten. Das ist teils in historischer Perspektive zu sehen. In den ersten 15 Jahren seines Bestehens war der TV Stud II an die Lohnentwicklung im übrigen öffentlichen Dienst gekoppelt, sodass die Löhne mit der Inflation mithalten konnten. Doch 2001 wurde die Dynamisierung des Vertrags aufgegeben:

Vergleich von Tutor*innenlöhne mit Inflation.

Bildquelle

 

Nun fordern die Initiative und die Gewerkschaften ver.di und GEW zum einen, dass der Stundenlohn auf 14€ erhöht wird, um die Kaufkraft von 2001 wiederherzustellen, zum anderen, dass der Lohn wieder dynamisiert wird. Andere Forderungen wollen die Lehr- und damit die Lernbedingungen an den Hochschulen verbessern und auch in sonstigen Weisen die materielle Position studentisch beschäftigter Personen weniger prekär machen.

 

Eine soziale Bewegung konkretisiert sich durch Forderungen. Doch wie schon angedeutet: Es steht mehr auf dem Spiel als eine mögliche Lohnerhöhung. Wir erläutern weiter unten, wie die Initiative TVStud ernsthafte Probleme im Bildungssystem und in der Gesellschaft offenbart. Insbesondere hilft sie, Aufmerksamkeit auf mehrere wichtige Tatsachen zu lenken:

  • dass das Bildungssystem soziale Ungleichheiten mit hervorbringt und mitstrukturiert,

 

  • dass sonst zerstörerische gesellschaftliche Konkurrenzdynamiken in den letzten Jahren auch dem Bildungssystem eingepflanzt worden sind,

 

  • dass auch die Hochschulen ein Ort sind, wo Tendenzen zur Ausgrenzung und Gewalt entgegenzuarbeiten sind, um soziale Quellen von Angst und Aggression zu beseitigen.

 

1. Die Rolle des Bildungssystems in der Produktion sozialer Ungleichheiten

 

Das Bildungssystem befriedigt Bedürfnisse nach Bildung und Berufsvorbereitung. Aber von der Kita an ist dieses Wirken gleichzeitig vom Imperativ überformt, heranwachsende Menschen auf soziale Ausleseprozesse auszurichten. Einer häufigen angetroffenen, normativen Vorstellung zufolge, sollen die Individuen das Bildungssystem benutzen, um sich ihren Hoffnungen gemäß möglichst in den Arbeitsmarkt hinüberfiltern zu lassen. Sie sollen sich beim ersten Übergang von Höhergestellten gebrauchen lassen, um später – bei Erfolg – über die Arbeit Anderer verfügen zu können.

 

Die studentischen Beschäftigten richten einen Scheinwerfer auf diese Hierarchievorstellungen, indem sie ihnen ein anderes Prinzip entgegensetzen. Das tun sie, indem sie mehr Geld für ihre Arbeit fordern. Eine studentische Stelle soll nicht mehr bloß für diejenigen offen sein, die auf dem vorgestellten Weg nach oben jene querzufinanzieren vermögen. Die Arbeit soll nicht bloß Mittel sein, voran- und wegzukommen. Ihre mögliche Würde besteht vielmehr darin, dass sie Orte, auf denen Menschen gerne verweilen, und Begegnungen, die sie gerne verlängern würden, ermöglichen kann. Freilich stellt eine ökonomische Entprekarisierung studentischer Stellen nur einen ersten Schritt zur Herstellung dieser Würde dar, die sich erst in einem veränderten sozialen Rahmen voll entfalten könnte.

 

Bevor wir dazu etwas mehr sagen, eine Anmerkung zur sonstigen Hierarchisierung der Personalsstruktur an deutschen Universitäten: Es werden nämlich angehende Forscher*innen mit einer besonders krassen Form des Versprechens „Abhängigkeit jetzt, später dann aber hoffentlich Freiheit“ konfrontiert. Der Großteil des sogenannten wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland ist von „prekärer Mobilität“ affiziert: Sie leben von befristeten Verträgen, die überwiegend auf Laufzeiten von unter einem Jahr beschränkt sind. Sowohl in materiellem als auch in fachlichem Sinne macht diese Situation „junge“ Forscher*innen (in Wahrheit sind sie oft älter als 45) abhängig von den Prinz*essinnen des Hl. Reichs deutscher Wissenschaft, den Professor*innen, welche ihren Untergeordneten Türen öffnen oder schließen können. Nachstehendes Bild macht die Größenverhältnisse dieser Struktur deutlich.[1] Es zeigt, dass sich in Deutschland die Hoffnung, von denen extrem viele wissenschaftliche Mitarbeiter*innen wohl leben – es irgendwann mal doch zu schaffen, selbständig forschen und lehren zu können – unter den herrschenden Verhältnissen für die meisten nie erfüllen kann. Dabei erfasst dieses Diagramm jene studentischen Beschäftigten, die Forschungsaufgaben wahrnehmen, nicht. Sie müssten eigentlich eine Gruppe unterhalb des roten Feldes, das abhängige Forscher*innen mit befristeten Stellen darstellt, bilden.

 

Personalstrukturen im Vergleich.

 

2. Eine Chance, soziale Angst- und Aggressionspotentiale zu überwinden

 

Die Tradition, aus der die SKB herkommt, zielt auf die Überführung der marktförmig verfassten in eine kooperative Gesellschaft, in der sich die verschiedenen Einheiten intern demokratisch und egalitär organisieren würden.[2] Dieses Ziel wird häufig als utopisch abgetan – und das nicht ganz ohne Grund. Doch der eigentlicher Grund liegt nicht so sehr in einer Hellseherei, die weiß, was aus den Relationen der Menschen zueinander werden kann, als in Schwierigkeiten des Übergangs.

 

Auch hier stellt die aktuelle Kampagne eine Lernhilfe dar. Denn sie hilft uns, jene Schwierigkeiten zu verstehen und zeigt, dass die Kräfte zu ihrer Überwindung schon in und um uns wirksam sind.

 

Das Element marktförmiger Konkurrenz setzt den Organisationen, die in jenes getaucht werden, starke Triebe ein. Diese zielen darauf ab, interne Hierarchien auszubilden und Autorität und Sichtbarkeit auf den oberen Stufen derselben zu konzentrieren. Gerade diese Ausrichtung auf Konkurrenz findet gegenwärtig in deutschen Hochschulen statt. Bei steigenden Studierendenzahlen und gesunkener Grundfinanzierung müssen die Hochschulen miteinander sowohl um private als auch im Rahmen des vom Staat inszenierten Wettkampfs (der „Exzellenzinitiative“ bzw. „-strategie“) um öffentliche Fördermitteltöpfe konkurrieren. Auf allen Ebenen – in Hochschulen, Fach- oder Forschungsbereichen und Instituten – flößt diese Situation Ängste ein, wir könnten die aktuellen Wettbewerbe verlieren und mit umso schlechterer Ausstattung und geringeren Erfolgschancen in die nächste Runde gehen.[3] „Wir“ bedeutet hier die jeweilige Ingroup, denn auch die Individuen treiben Ängste an: nämlich sich nur mit den ihnen übergeordneten Einheiten zu identifizieren und an „Gebrauchen und sich gebrauchen lassen“ als ihr taktvoll zu verschweigendes Motto zu denken.

 

Indem sie sich miteinander solidarisieren, widersetzen sich die studentischen Beschäftigen diesen Imperativen samt den Ängsten, die sie erzeugen. Ihr Kampf streitet dem Bildungssystem das Recht ab, sie zur Wahl zu zwingen zwischen einer prekären Existenz und dem ellenbogenartigen Einsatz sozialer Macht. Ihre Solidarität offenbart Kräfte des fürsorgenden Engagements, die oft vorhanden sind, wo Menschen miteinander verkehren, die aber durch ihre Ausbeutung unsichtbar gemacht und blockiert werden. Die Solidarität der studentischen Beschäftigten kommt der Behauptung gleich, dass sich Arbeits- und Bildungsverhältnisse anders gestalten lassen und hellt jene Kräfte als Anfänge der Verwandlung auf.

 

Diese Möglichkeit einer Neugestaltung wird jedoch weitgehend ausgeblendet. Beteiligte geben oft dem System die Schuld. Die studentischen Beschäftigten haben ein egalitäreres Hochschulbudget gefordert; die Antwort der Hochschulvertretungen lautete, diese Forderungen gingen zu weit. Angesichts verknappender Mittel können Hochschulvertretungen auf die sich verschärfende Konkurrenzlage hinweisen: Jede Verfügung über Mittel müsse dem alleinigen Ziel folgen, uns der nationalen Tabellenführerschaft näher zu bringen. So schrieb der damalige FU-Präsident Dieter Lenzen ziemlich am Anfang der Exzellenzinitiative 2006 in einem Rundbrief an alle Professor*innen der FU: „In diesen Jahren entscheidet sich, ob die Freie Universität unter den ,Top Ten’ auch weiterhin ihren Platz hat, oder ob sie zurückfällt. Das bedeutet auch, dass alle strategischen Entscheidungen über Strukturen, Berufungen, Schwerpunkte, Arbeitsziele immer auch vor dem Hintergrund dieses Ziels bewertet und getroffen werden müssen.“[4]

 

Solche Argumente laufen darauf hinaus, von Menschen gemachte Dynamiken, deren Umgestaltung auch und gerade von höheren Entscheidungsinstanzen anstoßen ließen, als heilige Notwendigkeiten zu fetischisieren. Damit bekommt das mögliche Andere, in Ansätzen schon Gegenwärtige, den verdammenden Anschein einer jenseitigen Utopie. Scheinbar ohne Ausweg, sehen die Menschen am Ende keine Alternative mehr, als nach Rationalisierungen zu suchen für alles, was die von ihnen selbst hergestellte Zwangslage ihnen antut. Aus dieser Zwangslage können aber solidarisches Denken und Handeln ausbrechen.

 

3. Der Abbau von Aggressionsquellen: auch an den Hochschulen!

 

Auch wir an der SKB hätten es leicht, unsere Augen vor der Chance zur ausdrücklichen Solidarität zu verschließen. Nur eine kleine Minderheit unserer Mitglieder hat den Status, um den es im Lohnkonflikt unmittelbar geht. Wir könnten also versuchen, unsere Bildungsarbeit von politischen Fragen, die uns vermeintlich nicht angingen, stark voneinander zu trennen.

 

Was uns zunächst davon abhält, ist die Erinnerung an die Resultate dessen, dass die Gesellschaft sich durch soziale Selektionsprozesse hervorbringt und die Ausgemusterten prekarisiert. Es werden vergiftete soziale und geistige Atmosphären erzeugt, in welchen menschenfeindliche Bewegungen gedeihen. Doch könnten wir immer noch versuchen, die nötige Konsequenzen zu ziehen. Wir könnten immerhin meinen, zum Beispiel, dass auch wenn an Hochschulen Konkurrenz angefeuert und die Menschen prekarisiert werden, Hochschulen für sich allein nicht ausreichen, rassistische und frauenfeindliche Gewalt hervorzubringen.[5]

 

„Die Hochschulen für sich allein“ ist jedoch eine Abstraktion. Die wirklichen Hochschulen gehören einem flächendeckenden, in die Gesellschaft funktional eingebetteten, Bildungssystem an. Dieses Ganze steht nach wie vor im Zeichen sozialer Selektion; heute kommen Konkurrenz und Prekarisierung, auch innerhalb des Bildungssystems, hinzu. Es sind allesamt Mechanismen, in denen jetzt mächtige Angst- und Aggressionsdynamiken wurzeln. Wenn die Gesellschaft dann Chauvinismus und Gewalt abscheidet, kann es nicht heißen, wir Akademiker*innen wollen für diese nicht verantwortlich sein. Es stimmt, die soziale Macht von Akademiker*innen, d. h. der Selektierten, drückt ihre Aggressivitäten oft in unpersönlicher oder geregelter Form aus. Also wird geschlossen: es seien die wirklich Gewalttätigen im Grunde die Anderen, etwa „die Bildungsfernen“. Dabei haben die Akademiker*innen doch die Hegemonialstellung in einem System, das selektiv bildet und bildend selektiert – und dadurch erst das Gegensatzpaar akademisch/bildungsfern schafft.

 

Die hochschulinternen Widersprüche, die von den streikenden studentischen Beschäftigten thematisiert werden, sind, wie die von ihnen verwendeten Begriffe (z. B. „Prekarisierung“) auch verraten, wesensverwandt mit Widersprüche der Gesellschaft im Allgemeinen. Es ist Zeit, an den Hochschulen uns stärker mit den gesellschaftlichen Folgen der verschiedenen Aggressionsdynamiken dieses Bildungssystems auseinandersetzen. Wenn es nicht weiterhin zu Gewalt gegen Ausgegrenzte kommen soll, kann die Antwort nicht ein Ruf nach mehr sein; sei es „mehr soziale Kontrolle“ oder „mehr Bildung“ oder beide. Der Weg zur freien Umgestaltung der Strukturen, innerhalb deren wir leben, muss geöffnet werden. Sonst hat Bildung keine Chance, wahrhaft emanzipatorisch zu wirken. Der erste Schritt dazu ist aber, dass wir über Organisationsgrenzen und Konkurrenzfronten hinweg Solidaritäten suchen.

 

Dieser Text wurde unter Mitwirkung von mehreren Menschen der und im Umkreis der SKB, darunter Alexandra Barisic, Marc Hiatt and Heinz Tönnies verfasst. Am 6. Februar, 2018 beschloss das Plenum der Sprach- und Kulturbörse, ihn zu veröffentlichen.

 

Fußnoten

 

[1] Aus einer Studie Reinhard Kreckels, „Karrieremodelle an Universitäten im internationalen Vergleich“. In: A. Borgwardt, Hrsg., Der lange Weg zur Professur, Berlin,2010. S. 33-44. (Vgl. die gekürzte Fassung in Forschung & Lehre, (1) 2012.)

 

[2] Wolfgang Nitsch, einer der Mitautor*innen der berühmten SDS-Denkschrift (1961/65), hat in einem Vortrag 2009 nochmals rückblickend versucht, die maßgeblichen Gruppen, Texte und Bestrebungen dieser radikal-reformistischen Tradition zusammenzufassen: „Hochschule in der Demokratie - Demokratie in der Hochschule: Zwischenbilanz eines uneingelösten Vermächtnisses“. Die Wurzeln der SKB in dieser Tradition sind aus dem, was dort auf S. 13 ausgeführt wird, ersichtlich.

 

[3] Das erklärte Ziel der Exzellenzinitiative bzw. -strategie ist tatsächlich die „vertikale Differenzierung“ des deutschen Hochschulsystems, also eine „Schaffung von Hierarchien zwischen den Hochschulen und bei begrenzten Mitteln eine Umverteilung von unten nach oben.“ Auch die Stärkung der Hochschulleitungen wird von Anhänger*innen dieses Programms befürwortet. (Vgl. Tilman Reitz, Angela Graf, Christina Möller, 2016. „Preview: Nicht förderungswürdig. Weshalb die Evaluation der Exzellenzinitiative gegen deren Fortsetzung spricht“ In: sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung, ISSN: 2197-2567.

 

[4] Bodo Zeuner, „Die Freie Uuniversität vor dem Börsengang? Bemerkungen zur Ökonomisierung der Wissenschaft“. Abschiedsvorlesung am 11. Juli 2007.

 

[5]In bedeutenden Fällen wurden Menschen, die an Hochschulen studieren oder arbeiten, zu Opfern rassistischer oder frauenfeindlicher Gewalt; vgl. Arvid Peschel, „In Erinnerung an Mahmud Azhar. Über einen rassistischen Mord auf dem Campus der FU Berlin“ (Out of Dahlem 15, 2014) und „Statement of Vindication“ (auf Englisch: Overland 220, 2015).